Safety Comes First
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des Segelflugverbandes
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- Motivsuche für Handlungsweisen
>> Vortrag von Bruno Gantenbrink
"Wie überlebe ich im Segelflug"
Gedanken zu diesem Thema von Bert Willing (Dezember 2011)
Sicherheitsbulletin des Segelflugverbandes (27.4.2011)
Das Bulletin
des Segelflugverbandes.
Mitteilung des BAZL (2007)
Für die Einhaltung von Mindestflughöhen bei Veranstaltungen
hat das BAZL eine Weisung
verfasst.
Startzwischenfall (2006)
Noch einmal Glück gehabt! Am 12.5.2006 hat sich auf
unserem Platz ein Startzwischenfall ereignet der leicht hätte
ins Auge gehen können.
Ein Selbststarter leitete auf der Piste
34L den Startvorgang ein, auf dem südlichen Rollweg schob ein Pilot während dieser
Zeit in Alleingang sein Segelflugzeug in Richtung der aktiven Piste.
Im letzten Moment konnte der Selbststarter den Start abbrechen.
Das Segelflugzeug wurde dann auf die westliche Seite der Piste
geschoben, war aber immer noch im Gefahrenbereich der Piste. Der
Pilot des Selbststarters schätzte meines Erachtens die Verhältnisse
falsch ein und leitete erneut den Startvorgang ein. Der Start gelang,
meines Erachtens war der Abstand zwischen Flugzeugen viel zu klein.
Was
können wir daraus lernen?
- Die Piloten der Selbststarter haben
einen schlechten Überblick
und sind durch die Motorbedienung stark absorbiert.
- Auf Distanz
ist schwer ersichtlich ob ein Selbststarter bereit zum Start ist
oder nicht.
- Segelflugzeuge sollen nicht alleine, sondern mindestens
zu zweit über
den Platz geschoben werden. Zwei Augenpaare sehen mehr als nur
eines.
Es gibt keinen Grund beim Bereitstellen der Segelflugzeuge
ein ‚Gjufel’ zu
veranstalten, denn der Gewinn von einer oder vielleicht zwei Minuten
bringt nichts. Vor allem wenn wir an den Zeitverlust denken wenn
es zu einem Zwischenfall kommt. Gar nicht daran zu denken wenn
Personen betroffen sein sollten.
Es gilt nach wie vor Augen auf
beim Überqueren der Piste
und nach beiden Seiten schauen. Denn es könnte sein, dass
die ASK21 auf der Piste 16 zur Landung hereinschwebt.
L'Hotelier-Verschlüsse - Bericht über
ein zum Glück folgenloses Ereignis (2003)
Einfach nur Glück gehabt!
Nach einem
feinen Fliegerurlaub in Vinon montierten wir am Samstag, 16. August
2003 der heissen Temperaturen wegen den Janus HB-1899
im Hangar, um ihn den Gruppenmitgliedern nicht einfach im Hänger
vor die Füsse zu stellen, sondern in einwandfreiem Zustand
zurückzugeben. Nach mehrmaligem De- und Zusammen-Montieren
ging die Arbeit inzwischen trotz der schweren Flügel und dank
der eingespielten Helfer flüssig von der Hand, nach kurzer
Zeit kroch Martin H. wie bei den letzten Malen in den engen Janus-Rumpf,
um die Ruderstangen zu montieren. Diese Tätigkeit kann nur
von klaustrophobiefreien Menschen ausgeführt werden. Der Rumpf
ist eng und unübersichtlich, sodass man je nach Körperstellung
nur einen Arm und den Kopf in leichter Schräghaltung überhaupt
hineinkriegt. Arbeitet man auf der andern Rumpfseite, muss man
den Rumpf verlassen und den Körper anders gedreht wieder hineinzwängen.
Soviel zur Ergonomie dieses Flugzeuges.
Vier-Augen-oder
vier Hände-Prinzip -
?
Um sicherzugehen, ob alle Ruder korrekt angeschlossen sind, machte
ich wie bei den vorherigen Montagetätigkeiten die Nachkontrolle
nach dem Vier-Augen-Prinzip. Im Hangar, bzw. vor allem im Rumpf
drin war das Licht schwach, ich konnte nur verschwommen die Details
erkennen, zudem flossen die Schweisstropfen übers Gesicht
und in die Augen. Einer alten Gewohnheit zufolge prüfte
ich die Ruderanschlüsse deshalb erst durch abtasten und
nachher durch kräftiges Zerren an den Ruderstangen. Beides
lieferte keine Überraschungen zutage. Von mir aus war das
Flugzeug flugbereit. War’s das?
Hakelige
L’Hotelier-Verschlüsse
Seit einem Unfall vor rund zwölf Jahren, als ein weltbekannter
Segelflieger mit zwei nicht angeschlossenen Querrudern mit einem
Offene-Klasse-Flieger in den Rebberg von Fayence gestürzt
ist und dies wundersamerweise später auch noch erzählen
konnte, bin ich auf das Anschliessen von L’Hotelier-Verschlüssen
besonders sensibilisiert, dazu kommt, dass ich bei meinem eigenen
Flugzeug seit ebenfalls 14 Jahren dieselbe Praxis und ihre Schwächen
en détail kenne. Zur Erklärung: schliesst man die Gelenk-Kugel
nicht einwandfrei durch die Gelenkstange ein, hüpft diese
bei der ersten stärkeren Belastung wieder davon weg – das
Ruder ist nicht angeschlossen. Seit dem erwähnten Unfall muss
die Gelenkstange weltweit zusätzlich durch eine feine Sicherheitsnadel
gesichert werden.
Die Montagearbeit bleibt insgesamt eine hakelige Sache, selbst
wenn man durch ein Handloch den Überblick hat. Nachdem mir
bei einem Belastungstest bei meinem eigenen Flugzeug einmal eine
Bremsstange in die Hände ‚gefallen’ ist, erledige
dies seither mit vollster Aufmerksamkeit, ruhig und lasse mich
dabei auch nicht ablenken.
Das kleine Wunder vom 23. August
Am Samstag, 23. August ist einer der letzten schönen Streckentage.
Urs L. will mit einer Passagierin im Janus C HB-1899 einen Ausflug
wagen. Einer inneren Stimme (...) folgend, prüft er nicht
nur die Ruder mit der üblichen Kontrolle, sondern kriecht
auch noch in den Rumpf, um bei der Anschluss-Kontrolle der Gelenkstangen
erschrocken feststellen zu müssen, dass ein einzelner Klappenantrieb
nicht korrekt angeschlossen ist und beim Ziehen daran aus der Kugel
hüpft. Bereits die optische Kontrolle macht ihn stutzig, weil
die Sicherheitsnadel irgendwie ‚schief’ drinsteckt.
Schlechte
Nachrichten kommen oft leise. Ich bin sprachlos, als ich davon erfahre.
Es ist leicht auszurechnen, was passiert wäre,
wenn es ein Querruderanschluss gewesen wäre. Diesmal sind
wir alle schadlos davongekommen. Aber es ist nur der Akribie des
Piloten zuzuschreiben, dass dies so ist. Trotz zweifacher Prüfung
haben wir den Fehler klar übersehen. Obwohl mir die Sensibiliät
der L’Hotelier-Gelenkverschlüsse seit Jahren vertraut
ist, obwohl ich diese nach einer ausführlichen optischen Kontrolle
jeweils auch mit einem kräftigen Ruck prüfe, ob sie halten,
ist mir die Fehlfunktion nicht aufgefallen.
Das waren meine Fehler-
und die Gegenmassnahmen:
- Wir haben das Flugzeug mit zuwenig Licht kontrolliert. Montiere
und prüfe dieses Flugzeug immer im vollen Licht, egal, wie
heiss es ist, weil man sonst bei dieser Konstruktion zuwenig sieht
(ist ungeügend Licht vorhanden, muss mit einer Taschenlampe
und einem Spiegel geprüft werden).
- Die optische Prüfung habe ich nicht korrekt durchgeführt.
Jede Gelenkkugel mindestens drei Sekunden studieren, ob sie richtig
sitzt.
- Die mechanische Prüfung an der Gelenkstange hat nichts
genützt
oder das Ruder sogar wieder gelöst. Die mechanische Prüfung,
ob die Gelenkstangen halten, ist zwingend. Die obligatorische Ruderkontrolle
hätte den Fehler (hoffentlich) noch zutage gefördert.
Zwei
persönliche Randbemerkungen:
1. Ob es verantwortbar ist, bei einem Flugzeug mit einer dermassen
unpraktischen Anordnung der Ruderanschlüsse auf einen Handlochdeckel
zu verzichten, damit man auch sieht, was man macht und eine vernünftige
Kontrolle überhaupt möglich ist, muss sich jeder, der
ein Flugzeug kauft, überlegen.
2. Es dürften kaum Fortschritte bei der Problemerkennung und –Behandlung
zu erzielen sein, wenn diese Art von Themen auf wenig sachliche
Weise im Flugplatzrestaurant am Stammtisch behandelt werden. Sachdienlicher
wäre es vermutlich, über ein sicherheitsrelevantes Vorkommnis
dieser Art zuerst zu recherchieren, um danach alle offen über
das Resultat zu informieren, damit wir alle ähnliche Wunder
nicht mehr beanspruchen müssen.
Ernst Willi, Fluglehrer
Diese drei Dinge sind vor jedem Janus-Flug unverzichtbar:
1. einwandfreie Sichtkontrolle der Ruderanschlüsse im Rumpf
2. kräftiges mechanisches Ziehen direkt an der Ruderstange
im Rumpf
3. kräftige, klassische Ruderkontrolle.
Flugsicherheit muss Leitkultur werden - Motivsuche für Handlungsweisen (aus: "Luftsport" 08/2002)
Allein von März bis September 2002 verunglückten 18 Segelflugpiloten
tödlich. Das ist seit vielen Jahren wieder ein trauriger Rekord.
Tödliche Unfälle sind grausam und tragisch, weil Menschen
sterben und weil meistens irgendein System - latente Fehler im
sogenannten
Systemdesign, zum Beispiel in der Vereins- oder Flugplatzorganisation
- versagt hat.
Im Rahmen der Unfalluntersuchung gehen wir zunächst immer
den gleichen Fragen nach:
"Warum hat der verantwortliche Luftfahrzeugführer so gehandelt,
dass es zur Katastrophe kommen konnte? Was war sein Motiv für
eben diese Handlungsweise?" Und: "Welches System hat hier
versagt?". Insbesondere der Segelflug ist eine Mannschaftssportart,
zumindest im Rahmen der Ausbildung und der Boden- und Flugbetriebsorganisation.
Die Mannschaften sind in der Regel in einem Verein organisiert.
Und genau hier beginnt in vielen Fällen die Erkenntniskette.
Hier finden wir die Antworten auf Fragen nach der Funktionalität
des Vereins, nach der Vereinskultur, nach der Sicherheitskultur.
"Kultur ist die Gesamtheit der Lebensäußerungen
der menschlichen Gesellschaft in Sprache, Religion, Wissenschaft,
Kunst u. a." (nach Brockhaus). Im weitesten Sinne ist also
die Rede von einer Werteordnung, die in der Luftfahrt einerseits
als Luftverkehrsgesetz nebst Verordnungen, im Segelflug auch als
Segelflugsport-Betriebsordnung oder als Ausbildungsmethodik bekannt
ist. Diese gibt den Rahmen für unfallfreies Fliegen vor. Aber
wie dieser Rahmen mit Inhalten gefüllt wird, das hängt
von den Vereinsmitgliedern ab und insbesondere davon, welche Normen
sie für die "grenzenlose Freiheit unter den Wolken"
als gültig erachten. Entscheidend für eine erfolgreiche,
sichere Gestaltung und Umsetzung dieser Werteordnung ist der Umgang
der Gemeinschaft mit Mitgliedern ihrer Gruppe, die sichere Normen
oder Spielregeln nicht einhalten und sich außerhalb von gesetzlichen
Bestimmungen oder den selbst definierten Toleranzen bewegen.
Das menschliche Handeln wird nach Maslow im Wesentlichen von seinen
Bedürfnissen beeinflusst. Die von ihm entwickelte Bedürfnispyramide
kennt fünf Stufen. So liegt über den Grundbedürfnissen
das soziale Bedürfnis - das Verlangen nach Geselligkeit und
Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Direkt darüber liegt das
Anerkennungsbedürfnis die eigenen (fliegerischen) Leistungen
sollen von anderen Personen bewundert und akzeptiert werden. Und
gerade hier findet man oft den Ausgangspunkt für verhängnisvolle
Zusammenhänge, die - wie bekannt ist - nicht zwingend im Unfall
enden müssen, aber es mit brutaler Regelmäßigkeit
immer wieder tun.
Im Rahmen der Ursachenfindung von Flugunfällen ist die Vereinskultur
- oder eben auch als Sicherheitskultur bekannt - nicht ohne Bedeutung.
Wie tragisch sich eine völlig außerhalb des Rahmens stehende
Vereinskulturen wirken kann, zeigt in ganz besonderer Weise ein
Unfall vor einigen Jahren:
Ein Segelflugzeug, besetzt mit Pilot und Fluggast stürzte ab,
weil der Pilot nach einer Windenstartunterbrechung und nach dem
Fliegen einer verkürzten Platzrunde in der zweiten bodennahen
180-Grad-Kurve bei Rückenwind die Kontrolle über das Flugzeug
verlor. Taktische Fehler und falsche Steuereingaben waren die primären
Ursachen. Aber: Wenige Monate vor dem Unfall war ein Segelflugzeug
des gleichen Vereins nach einer Startunterbrechung außerhalb
des Flugplatzes gelandet, eine absolut richtige und der Situation
angemessene sichere Entscheidung. Da das Rückholen mit einiger
Arbeit verbunden war, wurde die Besatzung bewusst einige Zeit stehen
gelassen und später die beide Piloten nach dem Motto "Warum
landet der nicht auf dem Flugplatz?" belächelt.
Außerdem gab es an diesem Verkehrslandeplatz größere
Kommunikationsprobleme zwischen Flugplatzbetreiber und Verein. So
wurde "angewiesen", dass bei eine Startunterbrechung mit
einem Segelflugzeug die Start- und Landebahn für Flugzeuge
nicht überflogen werden darf und der Verein setzte diese "Anweisung"
in fataler Weise intern um.
Die Verwendung folgender Formulierung darf also erlaubt sein: der
Verein hat unter Mitwirkung der kommunalen Betreibergesellschaft
im Rahmen einer irrwitzigen Sicherheitskultur das Entscheidungsrecht
des Piloten eingeschränkt.
Mit diesen (aufgesetzten) Scheuklappen versuchte nun der Pilot
die Landung auf der "zugelassenen" Segelflugbetriebsfläche.
Dieser Versuch endete für ihn tödlich, der Passagier überlebte
schwer verletzt. Dagegen gab es auf der "verbotenen" Seite
der Start- und Landebahn genügend freies Gelände für
eine sichere Landung!
Wie sieht es mit der Sicherheitskultur in Vereinen aus?
Hier eine kleine Auswahl möglicher Fragen zur Vereinssicherheitskultur.
Ist es im Verein üblich, sogenannte Kavalierstarts durchzuführen?
Werden Lizenzinhaber, die eine Klarliste benutzen, als Anfänger
belächelt?
Gehen Piloten auf Wünsche ihrer Fluggäste ein, die einen
Kick brauchen und außergewöhnliche Flugmanöver verlangen?
Gibt es im Verein bestimmte Arten von "Mutproben"?
Wie sieht es mit der Eigendynamik bei Flugtagen und Ziellandewettbewerben
aus?
Eine positive Sicherheitskultur im Verein ist nur dann im Sinne
der Unfallverhütung wirksam, wenn sich alle Angehörigen
dieser Gruppe mit dem Sicherheitsgedanken identifizieren und so
genannte "Beuger" keinerlei Bewunderung bekommen, sondern
klar und deutlich ausgepfiffen werden. Das Abtasten jeglicher Grenzen
bedeutet sofort eine potentielle Unfallquelle und ist hochgradig
gefährlich.
Im Sinne von Maslow können eigene menschliche Verhaltensweisen
Anerkennung durch andere Personen bewirken. Wichtig hierbei ist
der hierarchische Stellenwert derjenigen Personen, die für
eine fliegerische Tat die anerkennenden Worte zollen. In der Regel
sind dies die "informellen Führer" der Gruppe. Ihre
Normen müssen aber nicht unbedingt mit der entsprechenden Vereinssicherheitskultur
übereinstimmen. Deshalb bleibt es für eine positive Umsetzung
im Sinne der Flugsicherheit wichtig, dass so genannte "Beuger"
durch möglichst alle Angehörigen einer Gruppe Verachtung
finden.
Derjenige Pilot, der an der Winde mittels Kavalierstart mit einer
vermeintlich höheren Ausklinkhöhe prahlt, muss von jedem
gesagt bekommen, wie dumm und lebensgefährlich das ist.
Ein Resümee:
Nach dem Flugunfall-Untersuchungs-Gesetz ist der Zweck und Gegenstand
einer Untersuchung einzig und allein, die Ursachen - das sind Handlungen,
Unterlassungen, Ereignisse und sonstige Umstände - aufzuklären,
mit dem Ziel künftige Unfälle zu vermeiden.
Die Unfälle zeigen, dass permanente Aufklärung ein dringendes
Erfordernis ist. Wir die Flugsicherheitsinspektoren des DAeC stehen
dafür gerne zur Verfügung und hoffen, dass von unserem
Vortragsangebot in der kommenden Wintersaison wieder reger Gebrauch
gemacht wird.
Es gibt viel zu erzählen, aber dies mit einem klaren Ziel:
Flugsicherheit muss Leitkultur werden.
Jens Eisenreich, Flugsicherheitsinspektor,
Quellen: BFU, Harald Meyer - Vereinskultur
Vortrag von Bruno Gantenbrink
Gerhard Marzinzik vom Aerokurier schrieb als Einleitung zu diesem
provokativen Referat:
So gar nicht ins Bild vom schönen und beschönigenden Festvortrag
passte Bruno Gantenbrinks Beitrag während des Festaktes zum
51. Deutschen Segelfliegertag in Gersfeld. Sein Thema Sicherheit
im Segelflug hatte er nicht von der beschwichtigenden, statistischen
Seite angepackt. Der Segelflugweltmeister von 1989 und mehrfache
Deutsche Meister hat das Publikum vielmehr mit einer Schocktherapie
zum Nachdenken gezwungen. Und der Vortrag hat gewirkt. Viele Segelflieger
und insbesondere hartgesottene Wettbewerbspiloten stellten erschrocken
fest, wie gering das Sicherheitsbewusstsein im Segelflug tatsächlich
ausgebildet ist, wie oberflächlich manches gehandhabt wird.
Dabei steht und fällt die Sicherheit mit dem wachen Bewusstsein
über die möglichen Risiken und Gefahren. Der Kreis des
Segelfliegertages war jedenfalls zu klein für dieses Referat.
Es wird deshalb hier wiedergegeben.
Bruno Gantenbrink:
Mein Vortrag ist als Festvortrag angekündigt.
Was erwartet man von einem Festvortrag? Etwas Erfreuliches, Erbauliches,
jedenfalls etwas Positives. Zumindest nichts, was das Bild stört.
Nun, in diesem Sinne ist mein Vortrag kein Festvortrag. Was kann
man schon Erfreuliches oder Festliches zum Thema Sicherheit sagen?
Bei meinem Vortrag nehme ich bewusst in Kauf, dass ich Euch erschrecke,
provoziere, mindestens nachdenklich mache. Jede dieser Reaktionen
ist beabsichtigt. Ich werde auch keine Rücksicht darauf nehmen,
ob das, was ich sage, eine positive oder negative Schlagzeile in
der Presse macht. Und wenn im nachhinein jemand zu mir kommt und
sagt: Musstest Du unbedingt unser Nest beschmutzen, wo Presse
im Saal war, wo fremde Leute zuhörten, so wird mich dieser
Vorwurf nicht treffen.
Wenn man alles das, was im Segelflug wichtig und wissenswert ist,
in einem großen Werk zusammenfassen wollte, so müsste
das meiner Ansicht nach in vier große Kapitel gegliedert sein.
Ein erstes Kapitel könnte von der Freiheit des Segelfluges
handeln. Hier würden wir natürlich die Schönheit
und Majestätik des Segelfliegens beschreiben. Wir würden
aber auch die Probleme und Faktoren behandeln müssen, die unsere
Freiheit gefährden denn der Luftraum und die Probleme,
die wir damit haben sowie die steigende Zahl sinnloser Vorschriften,
die uns die Zulassung von Geräten und Piloten und Fluggeländen
immer schwieriger machen, gibt genügend Anlass zum Nachdenken.
Auch unseren Umgang mit unserer Umwelt müssten wir in diesem
Kapitel definieren.
Für ein weiteres Kapital könnte die Überschrift
lauten: Die Möglichkeit zum Segelfliegen.
Wir hätten darin all die Organisationsfragen zu lösen,
die uns in letzter Zeit wirklich bewegten. Neben Strukturfragen:
Wie organisieren wir uns im großen und kleinen; wie wird die
Ausbildung organisiert; wie sehen unsere Prüf- und Zulassungsvorschriften
aus? In diesem Kapitel müsste man natürlich auch über
die Kosten und deren Finanzierung sprechen, denn zum guten Schluss
müssen wir uns unseren Sport auch leisten können.
Ein drittes Kapitel würde von den notwendigen Fähigkeiten,
segelzufliegen, handeln. Man würde dann all die Kenntnisse
vermitteln, die wir brauchen, um unseren Sport auszuüben. Die
Theorie, die Aerodynamik, die Meteorologie, Segelflugtheorie, Flugtechnik
und vieles andere mehr.
Diese ersten drei Kapitel nehmen allein schon einen Zeitanteil
von mehr als 95 Prozent unserer Aufmerksamkeit, erst recht unserer
Aktivitäten in Anspruch. Mindestens ist es das, was ich aus
meiner Erfahrung kenne, auch wenn ich einmal an die Vortragsprogramme
von Segelfliegertagen in den letzten Jahren zurückdenke.
Für das vierte Kapital bleibt wenig Zeit und Aufmerksamkeit
übrig. Und dieses Kapitel müsste davon handeln, wie man
unseren Sport überlebt. Es müsste mit Flugsicherheit überschrieben
sein. Nach meinem Gefühl und meinem Verständnis müssten
diese vier Kapitel ungefähr gleichgewichtig sein. Die Gleichgewichtung
ist aber nicht gegeben. Allein die Nachlässigkeit also, mit
der wir das Kapitel Flugsicherheit in unserem Alltag behandeln,
führt mich zu der Hypothese, dass wir mit der Flugsicherheit
ein Problem haben.
Der eine oder andere mag jetzt denken:
Er übertreibt. Er übt sich in Schwarzmalerei. Und
das ist ja auch verständlich, denn er möchte aus seinem
Thema etwas machen. Also bläst er es auf, um es wichtig zu
machen. Wir wissen doch alle, es gibt nichts auf der Welt, was völlig
ungefährlich ist. Auch Segelfliegen ist nicht völlig ungefährlich.
Aber eins wissen wir doch auch: Das Gefährlichste am Segelfliegen
ist bekanntermassen die Fahrt zum Flugplatz.
Jeder hat diesen Satz schon benutzt, oder man hat ihn zumindest
schon gehört. Ich weiß noch genau, wie ich ihn zum ersten
Mal gehört habe, als ich als 14-jähriger Junge von meinem
Vater auf dem Flugplatz abgeliefert wurde. Und er erkundigte sich
natürlich besorgt nach möglichen Gefahren für seinen
Filius und bekam diesen Satz in meinem Beisein vom Fluglehrer zu
hören.
Wenn die Aussage stimmt und sei es auch nur ungefähr, dann
hätten wir mit Flugsicherheit überhaupt kein Problem,
dann wäre das Thema eine Quantite negligeable.
Ich könnte den Vortrag hier abbrechen und wir könnten
uns anderen Dingen widmen. Es lohnt sich also, einmal genauer hinzusehen,
ob dieser Satz wirklich so stimmt.
Der Satz, das Gefährlichste am Segelfliegen sei die
Fahrt zum Flugplatz, ist das Dümmste und Ignoranteste,
was mir in unserem Sport untergekommen ist.
.
Ich möchte dies - die Untersuchung der Wahrhaftigkeit dieses
Satzes - auf eine subtile, man mag sogar denken makabre Weise vornehmen.
Aber der Zweck heiligt in diesem Moment die Mittel. Ich verzichte
darauf, eine dieser relativierenden Statistiken zu benutzen, die
das Luftfahrtbundesamt herausgibt. In denen von Unfällen pro
1000 Starts oder Toten pro 1000 Flugstunden die Rede ist. Solche
Statistiken sagen nicht viel. Sie drücken nicht aus, was viel
und was wenig ist. Wie viele Tote pro 100 000 Starts sind zu viel
und wie viele sind wenig? Wie viele sind akzeptabel? Solche relativierenden
Zahlen fahren nicht unter die Haut. Man kann damit niemanden erreichen.
Ich möchte diesen Satz, das Gefährlichste am Segelfliegen
sei die Fahrt zum Flugplatz, an meiner ganz persönlichen Statistik
messen.
Dazu habe ich drei Listen geführt. Ich habe in die Liste 1
die Namen der Kameraden geschrieben, die ich im Luftsport verloren
habe. In einer zweiten Liste habe ich die Namen derjenigen Kameraden
vermerkt, die ich auf dem Weg zum Flugplatz - unterwegs mit dem
Auto oder dem Fahrrad - verloren habe. Und um den Überblick
komplett zu machen, habe ich eine Liste drei geführt, in die
ich die Namen von Segelfliegern aufgenommen habe, die ich überhaupt
im Straßenverkehr verloren habe.
Nun, um es kurz zu machen: Liste eins enthält ungefähr
30 Namen. Ich will nur einige der prominentesten hier anführen,
weil ich glaube, dass sie allgemein bekannt sind. Viele Namen, von
denen ich glaube, dass sie die meisten nicht kennen, will ich für
mich behalten. Aus Deutschland waren das in den letzten Jahren:
Helmut Reichmann, Ernst Gernot Peter, Hans Glöckl, Georg Eckle,
Horst und dann auch noch tragischerweise einige Jahre später
seine Frau Marlis Kall. Aus Österreich: Rudi Göbel, Alf
Schubert. Aus Belgien: Professor Sander. Aus Frankreich: Sidot und
Daniel Quemere, Cheffluglehrer von St. Auban. Aus den Niederlanden:
Kees Musters. Aus Südafrika: Heini Heiriss.
Wie gesagt, das sind nur einige der prominenteren Namen.
Nun zur Liste zwei. Für diese Liste gibt es absolut keine
Meldungen. Auf dem Weg zum Flugplatz habe ich überhaupt keinen
Freund verloren. Und ich war auch einigermassen überrascht,
dass die Liste drei mit Segelfliegern, die ich im Straßenverkehr
verloren habe, für mich jedenfalls keine Einträge hatte.
Wenn man sich darüber hinaus vor Augen führt, dass wir
in den letzten 20 Jahren mit Harro Wödl, den ich noch dazu
nehme, auch wenn ich ihn nicht persönlich kennengelernt habe,
drei Weltmeister verloren haben - wir hatten aber nur ungefähr
30 - und in den letzten zehn Jahren drei ehemalige Deutsche Meister
- wir hatten weniger als 30 -, so kann es einem schon einen Schauer
über den Rücken jagen. Mit zirka 10 Prozent Chance ist
man selber dabei .
Meine persönliche Statistik führt mich zu der Erkenntnis,
dass Segelfliegen mindestens um den Faktor 30 gefährlicher
ist als Auto fahren. Denn jeder Segelflieger hat ja auch einen Führerschein.
Und es ist wahrscheinlich um den Faktor 1000 gefährlicher als
die Fahrt zum Flugplatz. Dabei sollte ich zugeben, dass es Unterschiede
geben mag und sogar gibt. Dass der Segelflug im Bereich Ausbildung
relativ ungefährlicher ist. In der Ausbildung passiert meiner
Kenntnis nach am wenigsten. Und dass Überlandfliegen wahrscheinlich
gefährlicher ist als die Ausbildung. Und dass Wettbewerbsfliegen
dann vielleicht noch gefährlicher ist als das Überlandfliegen.
Aber selbst wenn ich das einräume, so relativiert das bestenfalls
den Sachverhalt, insbesondere da die Ausbildung für alle nur
eine Durchgangsstation ist und danach immer mehr Segelflieger zum
Überlandfliegen und Wettbewerbsfliegen drängen.
Nach allem was ich vom Segelfliegen kenne, was ich davon verstehe,
glaube ich, dass der Satz, das Gefährlichste am Segelfliegen
sei die Fahrt zum Flugplatz, das Dümmste und Ignoranteste ist,
was mir in unserem Sport untergekommen ist.
In der drastischen Diktion meiner Kinder würde ich sagen:
"Segelfliegen ist saugefährlich"!
Man könnte sagen, dass diejenigen, die den Satz kritiklos glauben
und benutzen, vielleicht nur dumm sind. Diejenigen aber, die es
besser wissen und die ihn nur deshalb benutzen, weil sie die Öffentlichkeit
beschwichtigen wollen oder weil ihnen der Gebrauch dieses Satzes
eine positive Meldung in der Presse verschafft, die handeln unverantwortlich.
Das Gegenteil ist nämlich richtig.
In der drastischen Diktion meiner Kinder würde ich sagen:
"Segelfliegen ist saugefährlich"!
Es ist gefährlicher als alles andere, was ich sonst in meinem
Leben tue oder kenne. Warum ich nicht aufhöre? Eine gute Frage.
Ich höre nicht auf, weil es mir mehr Spaß macht und mehr
Freude bereitet als alles andere, was ich mir als Alternative dazu
vorstellen könnte.
Ausschlaggebend ist aber ein zweiter Grund und der ist der entscheidendere
und deshalb halte ich auch diesen Vortrag: Ich glaube, dass Segelfliegen
nicht naturgesetzlich so gefährlich ist, wie es ist. Es könnte
wesentlich ungefährlicher sein, wenn wir uns der Gefahren stärker
bewusst wären und wenn wir uns dann auch entsprechend verhalten
würden. Was wir leider nicht tun.
Ich für meinen Teil bin mir sehr bewusst, wie gefährlich
Segelfliegen ist und ich bemühe mich, mich entsprechend zu
verhalten. Ich habe deswegen die Hoffnung, dass ich als Individuum
die Statistik schlagen kann. Wenn ich diese Hoffnung nicht hätte,
wenn für mich Segelfliegen so gefährlich wäre, wie
es dem statistischen Durchschnitt nach tatsächlich ist, würde
ich sofort aufhören.
Fast alle Freunde, die ich beim Segelfliegen verloren habe, sind
wegen human errors, wegen Pilotenfehler umgekommen.
Es waren teilweise lächerliche Kleinigkeiten, Nachlässigkeiten
simpelster Art mit fatalen Folgen. Sie sind deswegen tot, weil für
sie im entscheidenden Moment andere Dinge wichtiger waren als Flugsicherheit.
Wenn Segelfliegen weniger gefährlich werden soll, als es tatsächlich
ist, dann reicht nicht die eine oder andere Maßnahme. Es muss
sich die grundsätzliche Einstellung ändern. Und die grundsätzliche
Einstellung kann sich überhaupt nur ändern, wenn wir die
Gefahr, in die wir uns fast täglich begeben, realistisch einschätzen.
Und deshalb habe ich mich soeben in so drastischer Weise gegen den
gedankenlosen Gebrauch und die Weiterverbreitung des Satzes gewandt,
das Gefährlichste am Segelfliegen sei die Fahrt zum Flugplatz.
Jemand der mit diesem Satz das Segelfliegen beginnt, von dem kann
man wahrscheinlich nie wieder im Leben erwarten können, dass
er die Gefahr begreift, in die er sich begibt. Denn wenn er an diesen
Satz glaubt, braucht er sich keine Gedanken zu machen.
Und Sorglosigkeit ist der Tod jedes Sicherheitsbewusstseins. Die
allgemeine Haltung, die vielmehr häufig anzutreffen ist, ist
die Beschwichtigungs-, die Verdrängungshaltung. Im Unterbewusstsein
spürt man zwar, dass da was vorhanden ist, aber man möchte
nicht darüber reden, dass es gefährlich ist.
Warum ist die realistische Einschätzung des Risikos so wichtig?
Weil davon unsere Strategie abhängt, wie wir mit der Gefahr
umgehen.
Es gibt nichts ohne Risiko, das wissen wir. Selbst wenn wir am
Morgen nicht aufstehen, sondern im Bett liegen bleiben, könnten
wir uns ein Szenario ausdenken, bei dem uns etwas Schlimmes widerfährt.
Aber wir würden uns deswegen wohl keine Sorgen machen. Es gibt
zwei ganz unterschiedliche Arten von Gefahren. Das eine sind die
typischen Alltagsgefahren und als zweites die wirklich gefährlichen
Dinge. Mit diesen beiden Gruppen von Gefahren gehen die Menschen
ganz unterschiedlich um.
Da ist die Gruppe der Alltagsgefahren, im Haushalt, bei Sport und
Spiel.
Zum Beispiel: Jeder von uns weiß, dass in der Bundesrepublik
eine bestimmte Anzahl von Menschen von umstürzenden Bäumen
erschlagen wird. Und trotzdem spaziert man durch den Wald ohne Angst
, von einem Baum erschlagen zu werden.
Bei Alltagsgefahren sind keine besonderen Vorkehrungen notwendig.
Man kann hier auf das Glück vertrauen, dass nichts passieren
wird, denn diese Gefahren sind ja ganz extrem selten. Es ist unglaublich
extrem selten, dass jemand von einem umstürzenden Baum erschlagen
wird. Auf der anderen Seite gibt es die wirklich gefährlichen
Dinge. Bei den wirklich gefährlichen Dingen sind besondere
Vorkehrungen erforderlich. Die Strategie kann nicht darin bestehen,
dass man einfach darauf vertraut, dass es nicht einen selbst, sondern
jemand anderen trifft. Die Strategie muss darin bestehen, die Gefahren
von vornherein zu vermeiden, oder weil das zu 100 Prozent gar nicht
geht, sie möglichst klein und damit vertretbar zu halten.
Notwendig ist das, weil diese Gefahren eben nicht unwahrscheinlich
selten sind, sondern relativ wahrscheinlich. Und die Gefahr, beim
Segelfliegen zu verunglücken - deshalb habe ich die makabre
Statistik eben bewusst angeführt - ist unakzeptabel hoch. Segelfliegen
ist eben keine dieser vernachlässigbaren typischen Alltagsgefahren.
Besondere Maßnahmen, unseren Sport zu überleben, wären
erforderlich.
Oft habe ich den Eindruck, dass das Segelfliegen zu den unvermeidbaren
Alltagsgefahren gezählt wird.
Und der idiotische Satz, dass Segelfliegen nicht so gefährlich
wäre wie die Fahrt zum Flugplatz, macht das deutlich. Unser
Gefahrenbewusstsein ist unterentwickelt. Wir sind nicht besorgt,
dass ausgerechnet uns etwas passieren könnte, anderen vielleicht,
aber nicht ausgerechnet uns. Für die Sicherheit, da haben wir
unsere Experten unsere Flugsicherheitsinspektoren. Die machen das
schon. Bei denen ist das Thema gut aufgehoben. Wir selbst können
uns statt dessen den anderen Aspekten des Segelfliegens widmen.
Das, was uns die Sicherheitsinspektoren vermitteln, können
bestenfalls zusätzliche Erkenntnisse, Ratschläge sein.
Umsetzen müssen wir das selber. Wir müssen uns vielmehr
selbst aktiv um das Thema kümmern.
Dass dies hier kein Gerede ist, dass unser Sicherheitsbewusstsein
tatsächlich unterentwickelt ist, das will ich an nur zwei Beispielen
illustrieren.
Beispiel eins: Ich erinnere an die Deutschen Segelflugmeisterschaften
1990 in Bückeburg. Wir hatten unterschiedliche Startverfahren.
Die Offene Klasse flog mit Fototime und unbegrenzter Höhenfreigabe
ab, die anderen hatten eine Startlinie, die in der Regel bei 1000
m in der Höhe begrenzt war.
An einem heißen Tag ging es am nahen Wiehengebirge deutlich
über die Inversion hinauf, bis auf über 2000 m. Da lag
auch der Abflugpunkt der Offenen Klasse, die verständlicherweise
so hoch wie möglich abfliegen wollte. Das war schon gefährlich
genug. Denn da kreisten 35 Offene-Klasse-Flugzeuge in einem Bart,
der so richtig in die Inversion pfefferte, deutlich höher als
alle anderen. Und wer weiß, was im letzten, oberen Teil der
Blauthermik passiert, wenn die Thermik an den Deckel stößt,
der wird mich verstehen.
Denn da kann es passieren, dass man dort, wo man gerade noch Steigen
hatte, schon im nächsten Kreis Sinken hat. Die Luft ist dort
extrem verwirbelt. Der letzte Teil ist also besonders ungemütlich,
weil sich dort die Flugzeuge höhenmäßig heftig gegeneinander
verschieben .
Dass sich nun 35 Offene-Klasse-Flugzeuge in diesem letzten Teil
aufhielten, war vom Abflugverfahren her verständlich. Sie hatten
einen Nutzen davon. Doch was die 80 Standard- und Rennklasseflugzeuge
freiwillig da oben taten, das wird mir ewig unbegreiflich bleiben.
Denn das einzige, was die da oben taten, war zu warten, dass 1000
m tiefer ihre Abfluglinie geöffnet wurde. Und als die offen
war, zogen sie ihre Bremsklappen und stürzten mit 200 km/h
1000 m tiefer runter.
Die Tatsache, dass die Piloten zuvor dort oben mit letztem Einsatz
die letzten 50 m erkurbeln wollten, kann nur bedeuten, dass etwas
mit ihrer Einstellung nicht stimmt. Und es waren fast alle dabei.
Es könnte schon deshalb etwas mit ihnen nicht stimmen, weil
sie überhaupt keine Vorteile davon hatten und sich völlig
unnütz in eine Gefahr begaben. Denn das Kreisen in solch großen
Pulks, das sollte man doch soweit möglich vermeiden. Vor dem
Beginn des Wettbewerbsfluges ist das in aller Regel ohne Inkaufnahme
von Nachteilen möglich. Da sollte man sein Pulver doch trocken
halten für die Zeit, in der es wirklich um etwas geht. Die
Standard- und Rennklasseflieger, die da so verbissen um die letzten
Meter kurbelten, hatten dadurch nicht nur keinen Nutzen, sie handelten
sich sogar dicke Nachteile ein. Sie brauchten später einen
relativ langen Sturzgleitflug, um zur Abfluglinie herunterzukommen.
Klüger wäre es doch gewesen, sich dicht neben die Startlinie
zu setzen, damit man jederzeit abfliegen kann und seine Konkurrenten
im Blick hat. Das war doch aus der Position in 2300 m gar nicht
gegeben. Die Piloten der 15-m-Klassen haben mithin nicht nur etwas
getan, was der Sicherheit abträglich war, sie haben auch noch
Nachteile für sich in Kauf genommen.
Das nenne ich mangelndes Sicherheitsbewusstsein; sie hatten überhaupt
nicht nachgedacht.
Man kann natürlich sagen, beim Pulkfliegen passiert nicht viel.
Das wundert mich eigentlich auch immer wieder, dass da nichts oder
so wenig passiert
Das ist ganz erstaunlich. Je größer die Pulks, desto
weniger passiert. Vielleicht ist dies auch so, weil alle soviel
Angst haben und gut aufpassen. Aber eins kann man auch sagen, förderlich
für die Sicherheit ist es bestimmt auch nicht. Also sinnvoller
wäre es gewesen, wenn sie in 1400 bis 1500 m im Aufwind gekreist
hätten, sich ein bisschen verteilt hätten, jedenfalls
nicht bis ganz nach oben gegangen wären.
Ein zweites Beispiel: Es kommt immer wieder vor und es ist offensichtlich
nicht auszurotten, dass bei Meisterschaften die Steckenführungen
so gewählt werden, dass es zu Gegenkursen kommt oder dass Klassen
auf praktisch gleiche Aufgaben geschickt werden.
An den ersten zwei, drei Tagen wird dies noch relativ gut beachtet,
doch dann lässt dies zunehmend nach. Auch da kann etwas nicht
stimmen. Unternehmen kann man sehr leicht etwas dagegen: Da die
Bedingungen für alle einer Klasse gleich sind, spricht doch
überhaupt nichts dagegen, selbst unter Inkaufnahme von Wetternachteilen,
die Klassen so zu separieren, dass sie sich möglichst während
des ganzen Tages nicht sehen. Dass es hier immer wieder zu Massierungen
kommt, ist völlig unverständlich und zeugt von einem mangelnden
Bewusstsein der Gefahr, die damit verbunden ist.
Drittes Beispiel und das soll auch ein positives Beispiel sein:
Als ich im letzten Sommer bei den US-Nationals in der Rennklasse
mit geflogen bin, da gab es dort etwas, was mich tief beeindruckt
hat. Jeden Morgen zu Beginn des Briefings gab es dort einen Safetytalk.
Am Tag vorher wurde jemand ausgeguckt und dazu bestimmt, am nächsten
Morgen zehn Minuten etwas zum Thema Sicherheit zu sagen. Manchmal
waren es Allgemeinplätze, nicht jeder ist ein geborener Redner.
Aber es sind ja alles gestandene Leute, die da fliegen. Übrigens
Leute, die herumgekommen sind und da hatte schon fast jeder etwas
Bemerkenswertes beizutragen. Meistens aber war ich sehr beeindruckt
von den wirklich guten Gedanken, die vorgetragen wurden. Und die
Zuhörer hörten auch aufmerksam zu. Ich hatte nicht den
Eindruck, dass die schon mit ihrer Flugvorbereitung beschäftigt
waren. Die waren ernsthaft an dem Thema Sicherheit interessiert.
Warum passiert so etwas bei uns nicht?
Bei uns werden, wenn wir Deutsche Meisterschaften fliegen, während
des Briefings Punkte der Aus-schreibung oder Fragen jener besprochen,
die zu faul waren, die Ausschreibung zu lesen. Ich kann mich nicht
erinnern, dass wir uns jemals in dieser Weise zum Thema Sicherheit
Gedanken gemacht hätten.
Ich bin bestimmt kein Sicherheitspapst. Ich habe das Thema Sicherheit
auch nicht erfunden. Ich weiß außerdem, wo ich selbst
die größten Defizite habe, aber ich weiß auch,
wovon ich rede. Ich habe, das sind inzwischen gut zwanzig Jahre
her, nur knapp und mit viel Glück überlebt. Bei dem Unfall,
den ich gebaut habe, sind normalerweise 80 Prozent der Leute tot.
Und von den übrigen 20 Prozent ist noch über die Hälfte
so schwer verletzt, dass sie ihres Lebens nie mehr froh werden.
Soviel Glück hat man nur mal im Leben. Und seitdem versuche
ich, aufzupassen. Und ich glaube, dass ich deutlich besser bin als
der Durchschnitt, bestimmt nicht perfekt, aber deutlich besser.
Denn wenn ich das nicht glauben würde, dann müsste ich
eigentlich sofort aufhören aus Verantwortung meiner Familie
gegenüber, meinem Unternehmen und mir selbst gegenüber.
Konkurrenten von mir wissen, dass ich bestimmte Dinge einfach nicht
tue. Ich erinnere mich an eine Situation bei der Weltmeisterschaft
1985 in Italien, wo ich zusammen mit Klaus Holighaus in Problemen
war. Klaus Holighaus - er war ein wenig höher als ich - flog
in leichtem Regen durch einen Pass mit böigem Wind von einer
Seite. Das heißt, wir wussten gar nicht richtig, wo der Wind
herkam wir konnten auch in ein Lee tauchen. Unsere Höhe
über Grund war höchstens 60 bis 70 m und wir hatten noch
1 bis 2 km zum Pass zu fliegen. Und obwohl der Durchflug möglich
schien - Klaus Holighaus war schon praktisch durch - drehte ich
ab, zurück ins schlechte Wetter. Ich verabschiedete mich in
diesem Moment aus dem Reigen der Piloten, die sich ernsthaft um
den Weltmeistertitel Gedanken machen konnten. Aber es hat mir nie
leid getan.
Auch bei mir hätte der Durchflug vielleicht - zu 99 Prozent
sogar - geklappt. Klaus war etwas höher durchgekommen
und bei mir wäre es, wenn nichts dazwischengekommen wäre,
gerade eben auch gegangen. Aber es hätte nur das geringste
schief zu gehen brauchen, nur dass ich Klaus falsch verstanden hätte,
ob der nun links oder rechts flog das macht ja in einem Pass
einen großen Unterschied dann hätte ich oben in
dem Pass gelegen und der war völlig unlandbar.
Ich bin durchaus bereit, Risiken einzugehen. Ich bin sogar bereit,
im Wettbewerb höhere Risiken einzugehen als normalerweise.
Diese Statement hört sich fast verwerflich an. Es ist aber
nur auf den ersten Blick so verwerflich. Denn wenn man für
den Wettbewerb kein Risiko eingehen dürfte, könnte man
damit auch gleich den ganzen Segelflug einstellen beziehungsweise
ad absurdum führen. Denn auf jeden Fall ist Segelfliegen gefährlicher,
als wenn wir nicht Segelfliegen würden.
Wenn ich also bereit sind, für das Segelfliegen ein Risiko
einzugehen, warum nicht auch für den Wettbewerb?
Worauf es ankommt, ist etwas ganz anderes. Nämlich die permanente
Überlegung, ob etwas, was ich tue, das Risiko wert ist. Wie
hoch ist das Risiko? Ist es vertretbar? Was kann man zur Verringerung
tun?
Mit der lapidaren und simplen Feststellung, dass man etwas für
gefährlich hält, kann man den gesamten Segelflug
einschließlich der Fahrt zum Flugplatz in Frage stellen.
Denn alles ist mehr oder weniger gefährlich. Und alle anderen
Sportarten ebenso. Das will auch keiner.
Was also ist zu tun?
Jeder einzelne muss für sich eine Sicherheitsstrategie entwickeln.
Am einfachsten ist es damit zu beginnen, die Risiken zu eliminieren,
die völlig überflüssig weil ohne Nutzen sind. In
einem Pulk zu kurbeln, ohne dass man das aus zwingenden Gründen
wirklich muss, ist einfach Dummheit. Und wir alle machen zu viele
dumme Sachen.
Darüber hinaus sollten wir uns der Risiken bewusst sein, die
wir eingehen, darüber nachdenken, wie wir sie möglichst
klein halten und uns Grenzen setzen, die wir nicht überschreiten.
Wir sollten permanent etwas Angst haben oder, mit anderen Worten
gesagt, besorgt sein, denn nur der, der besorgt ist, passt auch
bei den simplen Dingen auf, deren Nichtbeachtung oft die Ursache
für Schlimmes ist.
Für sich selbst eine risikobewusste Sicherheitsstrategie zu
haben, ist jedenfalls die weitaus erfolgreichere Methode, unseren
Sport zu überleben, als nur darauf zu hoffen, dass man etwas
mehr Glück hat als die Freunde, die es trifft.
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